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By 1. August 2017Presse

Muss Mode nachhaltiger werden?

Experten sprechen in Sachen Nachhaltigkeit von einem Makrotrend, der sich langsam in der Gesellschaft durchsetzt, weil er dem Wunsch von immer mehr Konsumenten entspricht. Inwiefern Nachhaltigkeit und Mode zusammenpassen, haben jetzt die Branchenvertreter beim ersten Roundtable „Passion for Fashion“ diskutiert.
Von Vera Straub-Roeben

 

In der Modebranche wird derzeit zwischen Fast-Fashion und Slow-Fashion unterschieden, also zwischen kurzen Hypes, die bald zu Schrankleichen werden, und nachhaltiger, entschleunigter, bewusster Mode wie Kleidung aus Biostoffen oder recycelten Materialien. Nachhaltigkeit ist in allen Bereichen auf dem Vormarsch und will unbedingt Einzug in die Modewelt halten.

Doch aller Anfang ist schwer, wissen die Fachleute. Einige Labels wollen Gutes für die Umwelt tun, indem sie Mode aus recyceltem Plastikmüll aus dem Meer herstellen, Vorreiter sind dabei G-Star mit der „Raw for the Oceans“-Kollektion, Adidas mit dem Sportschuh „Adidas x Parley“, der unter dem Motto „Run for the Oceans“ produziert wird, oder auch Fußballtrikots, mit dem die Kicker von Real Madrid eine erfolgreiche Saison absolviert haben.

Ideengeber und treibende Kraft ist dabei Cyrill Gutsch, Designer und Gründer der Meeresschutzorganisation „Parley for the Oceans“. Doch wie gehen Modeunternehmen in und um Düsseldorf damit um? In den meisten Geschäften werden Plastiktüten seit einem Jahr nicht mehr gratis über den Verkaufstresen gereicht, stehen sie doch als Symbol für die Vermüllung der Meere.

Paul Prange zum Beispiel, Inhaber der Prange-Schuhhäuser, bietet seinen Kunden weiterhin Plastiktüten als kostenlosen Service an, versucht aber, sie an den Kassen zu einer Spende für die Meeresschutzorganisation Oceancare zu animieren. „Am Ende des Jahres verdoppeln wir dann den Betrag“, sagt er. Das Material der Tragetasche ist das eine, aber viel wichtiger ist doch, dass auch der Inhalt der Tüte stimmt.

Das kann Thorsten Rolfes, Head of Corporate Communications C&A Europe, nur bestätigen: „Laut Studien bewertet ein Großteil der Frauen Nachhaltigkeit als wichtig oder sogar sehr wichtig. Inwieweit dieser Aspekt sich aber tatsächlich in der Kaufentscheidung niederschlägt, können wir nicht genau sagen.“

Als sozial und im Umweltschutz aktives Unternehmen will C&A mit gutem Beispiel vorangehen und bietet unter anderem T-Shirts an, bei deren Produktion alle Nachhaltigkeitskomponenten von fairen Löhnen über gute Arbeitsbedingungen bis hin zum Wasser- und Energieverbrauch gesichert sind.“Sie bestehen aus 100 Prozent Biobaumwolle, sind GOTS zertifiziert und kompostierbar, also ,designed tob e recycelt‘, und wurden von zwei Top-Lieferanten in Indien gefertigt. Und Nachhaltigkeit muss noch nicht einmal teuer sein: Wir bieten die T-Shirts für sieben beziehungsweise neun Euro an.“

Neben fairen Arbeitsbedingungen für die Produzenten, umweltfreundlichen Materialien und müllvermeidendem Verhalten zählt laut Mirjam Dietz, die sich mit ihrer Beratungsagentur weltweit einen Namen gemacht hat und für zahlreiche Messeveranstalter, unter anderem für die munichfashion.company GmbH, tätig ist, das Bewusstsein – das der Verbraucher, aber auch das der Einkäufer.

Letzteres hat der Messeveranstalter Igedo Company in den vergangenen drei Saisons stetig versucht zu wecken, wie Ulrike Kähler, Igedo-Prokuristin und Projekt-Direktorin der Gallery, betont. „Die Resonanz war leider sehr gering. Man sollte den Einkäufern erklären, dass sie nicht nur das schöne Design oder den guten Schnitt kaufen. Die Hersteller bemühen sich darum, nachhaltige Mode zu produzieren, aber sie muss auch wahrgenommen werden.“

Ob es an der Optik liegt? Bei den Schuhen auf jeden Fall, sagt Birte Prange. Sie ist seit 20 Jahren im Unternehmen ihres Mannes unter anderem für den modischen Schuheinkauf verantwortlich und beobachtet auch den Aspekt Nachhaltigkeit genau: „Vegane Schuhe werden oft aus Kunstleder hergestellt, da kann die Qualität schon mal auf der Strecke bleiben. Durch die geringe Lebensdauer und den oft hohen Chemikalieneinsatz handelt es sich hierbei meist keineswegs um nachhaltige oder ökologisch sinnvolle Produkte. Hinzu kommt, dass dem modischen Aspekt von vielen Produzenten zu wenig Rechnung getragen wird.“

Da sei Esprit schon einen Schritt weiter als so mancher Schuh-Hersteller, wie Judith Jahnke, Esprit Mode- und Markenkommunikation, betont: „Esprit arbeitet viel mit Biobaumwolle und recycelten Stoffen. Natürlich werden die Kleidungsstücke dann etwas teurer im Verkauf, aber wir erklären unseren Kunden den Unterschied. Dazu spielen wir mit den Trends, greifen aktuell etwa den Retro-Look oder Allover-Prints auf. Damit erreichen wir vor allem das junge Publikum. Man kann es sich heute einfach nicht mehr leisten, nicht nachhaltig zu sein.“

Modedesignerin Annette Görtz sieht dem Nachhaltigkeitstrend gelassen entgegen. „Ich weiß, wo meine Kollektionen produziert werden, nämlich vorwiegend in Deutschland. Ich finde es aber grundsätzlich schlimm, dass man ,Bio‘ draufschreiben muss, um zu verkaufen. Denn eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass fair und nachhaltig produziert wird.“ Dennoch sei sie „allergisch“ gegen all die Zertifizierungen und Gütesiegel, die die Qualität beschreiben. „Die Etiketten erörtern das in epischer Breite und in vielen Sprachen. Das liest doch ohnehin kaum jemand.“

Allerdings, und das weiß Holger Röver, Marketing Director van Laack GmbH: „Beim Thema Nachhaltigkeit herrscht allgemein ein ungesundes Halbwissen. Damit Nachhaltigkeit zu einem glaubwürdigen und selbstverständlichen Kaufentscheidungskriterium wird, müssen die Verbraucher erst einmal umfangreich informiert werden.“ Angelika Firnrohr, Geschäftsführung Fashion Net Düsseldorf, bestätigt: „Der Verbraucher hat die Macht. Je besser er informiert ist, desto besser kann er sich bewusst mit einem Thema auseinandersetzen.“

Die Branche sucht nach Ideen und Möglichkeiten, die wichtigen Informationen unterhaltsam und ohne erhobenen Zeigefinger an den Kunden zu bringen. Das könne zum Beispiel durch Blogger gelingen, die eine Kooperation mit dem jeweiligen Label eingehen, wie Shahin Moghadam, Geschäftsführer und Creative Director unique europe GmbH, vorschlägt. „Wir wollen dabei aber authentisch bleiben“, sagt er. Bei allem Ideenreichtum sieht Holger Röver aber noch ein gutes Stück Arbeit auf die Branche zukommen: „Die Textilindustrie allein wird es nicht schaffen, das Problem zu lösen. Jeder kann aber seine Hausaufgaben machen und seinen Beitrag dazu leisten.“

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